Kuba Mein erstes Mal...

Samstags in Kuba: Hahnenkampf und Herzinfarkt

Hahnenkampfarena

Regentag

Es ist Samstag und der Regen spült den Plan für den Tag weg. An Strand brauche ich heute nicht zu denken, es wird den gesamten Tag grau und regnerisch bleiben. Was also machen, in einer Stadt, die nur Ausflüge in die umliegenden Parks, an Strände, Flüsse und Wasserfälle bietet? Die Frage klärt sich schnell, als ein Freund von den Hahnenkämpfen erzählt, die ein paar Kilometer entfernt stattfinden, immer am Samstag, von morgens gegen zehn, elf bis in den späten Nachmittag. Mit Skrupeln im Bauch reisen wir an. Bisher habe ich Stier-, Hahnenkämpfe und ähnliche Events vermieden. Der Freund sieht mir die Bedenken an. „Die Hähne sind zum Kämpfen geboren. Bis vor ein paar Jahren waren sie illegal in Kuba, jetzt sind sie erlaubt sowie die Wetten, die die Anwesenden und Besitzer auf die Tiere abschließen.“ In Kuba sind Hähne nicht nur die Tiere, die mitten in der Nacht mit einem gestörten Zeitgefühl die Schlafenden wach schreien oder für Opferrituale im Yeruba-Glauben eingesetzt werden, dann kopflos auf der Straße liegen sondern der Stolz eines jeden Besitzers, der begeistert Handy-Fotos seiner Tiere zeigt. Wir fahren los.

Die letzten Meter zu der abgelegenen Arena führen über eine unbefestigte und schlammige Straße. Mitten auf einer saftig grünen Wiese steht ein rundes Gebäude aus Holz, ein paar Meter weiter ist ein kleines Open-Air-Restaurant, viel mehr gibt es nicht.

Energiegeladen

Als wir die gut besuchte Arena betreten, sind die Kämpfe bereits in vollem Gang und der Geräuschpegel füllt die hitzige Luft. Männer die schreien, wild mit den Armen fuchteln und in der Mitte, die mit Sägespäne gefüllte Manege, auf der sich zwei Hähne gegenüberstehen – es ist ein Hexenkessel. Energiegeladen, laut, spannend, aufgeheizt – und es flaut während vier, fünf Stunden nicht ab. Die Freude der Besitzer, deren Hahn gewinnt, die Enttäuschung derer, deren Hahn verliert. Ein Kampf jagt den nächsten.
Mal werden die Hähne in eine Kiste gesetzt, die an die Kiste des Gegners grenzt und dann per Seilwinde hochgezogen wird. Manchmal, werden die Hähne vom Kampfrichter und Gehilfen per Hand zum Kampf frei gesetzt.

An einem Bein tragen die Hähne ein kleines Messer und auf dem Rücken und dem Bauch sind die schützenden Federn entfernt. Es gibt Kämpfe, die dauern vier, fünf Minuten. Andere dauern zehn Minuten und länger. Manchmal kann ich die Hähne nicht auseinanderhalten, weil sie sich so ähnlich sehen. Aber die Wahrnehmung der Anwesenden ist geschult und sie wissen genau, auf wen sie gewettet haben.
Manche Hähne werden halbtot und blutüberströmt vom Platz getragen, andere werden überleben, gepflegt und auf neue Kämpfe vorbereitet.

Wetten, dass…

Diego, der uns hierhergebracht hat, wettet wie ein Weltmeister und hat einen Glückstag.

„Woher weißt du, welcher Hahn gewinnt?“
„Intuition,“ sagt er. „und ich habe selber auch Hähne.“
„Und wie funktioniert das Wetten, für die Besitzer und die anderen?“
„Ein Hahn kostet zwischen 30 und 40 Euro. Erinner dich, wie die Monatslöhne hier sind. Ein Hahn ist mehr als das doppelte wert. Für den Einsatz des Hahnes erhalten die Besitzer 40 Euro. Die Wetten laufen so ab. Du suchst Dir einen Hahn aus und rufst laut die Farbe, auf die du setzt. Meist findet sich jemand im Umkreis, der die Wette annimmt. Es gibt keinen Wett-Master sondern die zwei müssen sich einig werden.“

Um seine Verluste zu minimieren verfolgt er darüberhinaus die Strategie, eine weitere Wette auf den zweiten Hahn im Kampf abzuschließen, sobald er den Eindruck hat, sein Tier verliert.

Manchmal kommt es anders…

Die Aufregung beim Wetten, die gute Stimmung, die Leidenschaft, es ist mitreißend. Gerade als ich denke, es könnte nicht besser sein an diesem verregneten Samstagnachmittag, ruft mich Diego, der kurz die Arena verlassen hat. Er winkt mich angespannt zu sich und an seinem Gesicht erkenne ich sofort, es ist etwas Ernstes. Ich stürze aus der Arena, noch ein Bier in der Hand, als er mir sagt: „Jemand hatte einen Herzinfarkt und Anna ist bei dem Patienten.“ Sie ist heute die dritte im Bunde, aus den Niederlanden, von Beruf Krankenschwester, spricht aber kaum spanisch.
Sie kniet vor einer einfachen Holzbank, auf der ein älterer Mann liegt, schwer atmet und abwesend aussieht. Alle Farbe ist von seiner Haut gewichen. Sofortige Ernüchterung.

„Wir müssen ihn auf die Seite drehen,“ sagt sie mir, und ich übersetze. Mit drei weiteren Männern drehen wir ihn so vorsichtig wie möglich. Sein Kopf ruht auf dem Schoß eines Nachbarn.
„Was kann ich tun?“
„Momentan können wir nichts machen außer auf die Ambulanz zu warten. Aber es sieht nicht gut aus. Die Farbe seiner Haut deutet auf nichts Gutes hin.“
„Hat jemand den Krankenwagen gerufen?“
„Ich weiß es nicht?“

Ich ziehe Diego zur Seite, außerhalb der Hörweite des Patienten, um ihn auf spanisch zu fragen. „Die Ambulanz ist unterwegs, soll in spätestens fünf Minuten ankommen.“
Zurück bei Anna, mit der ich englisch spreche, ohne dass der Patient verunsichert wird, knien wir beide neben dem Herren, ein paar Kubaner sind um uns herum versammelt und kommentieren die Situationen wenig hilfreich. „Ja, er ist alt. Er hatte schon einen Infarkt. Oh das sieht nicht gut aus.“
„Mund halten!“, rufe ich ohne nachzudenken. Diego tippt mich an, „Sag das nicht.“ Ist mir egal, ich konzentriere mich auf den Herren, streiche ihm über den Arm, rede ihm gut zu. „Ruhig atmen, die Ambulanz ist gleich hier. Alles wird gut. Ruhig atmen. Einatmen, ausatmen. Denken Sie an etwas Schönes. Freunde. Familie. Ruhig atmen.“ In meinen Gedanken läuft parallel: sage ich das gerade richtig? Was, wenn er wirklich hier stirbt? Nimmt er uns überhaupt wahr?

Erste Hilfe?

Gottseidank ist die Ambulanz kurze Zeit später vor Ort. Mit einem einfachen Blutdruckmesser werden die Lebenszeichen gemessen. Wo bleibt die Trage?
Da weist der Sanitäter drei, vier Leute an, dass sie nun gemeinsam den Mann in die Ambulanz tragen, ohne Trage. Es ist wie bei dem Baseballspiel vor ein paar Wochen in Havanna. Ein Spieler läuft mit dem Kopf gegen eine Wand, fällt bewusstlos um. Nichts ist mit Nacken und Wirbelsäule stabilisieren und ruhig halten. Der Verletzte wird von drei Leuten vom Platz getragen und spätestens jetzt wäre der letzte Nervenstrang durchtrennt.
Gedankenverloren sehe ich der Ambulanz nach während um mich herum alles zur Normalität zurückkehrt. „Ja, die Aufregung, die hohen Geldeinsätze, die Emotionen. Er ist nicht der erste, der einen Herzinfarkt bei so einer Veranstaltung hat.“, wird der Vorfall gleichgültig kommentiert.
Freude, Leid und Gleichgültigkeit. Asi es la vida. So ist das Leben. Kuba ist nicht einfach, wenn man genauer hinschaut.

About the author

Anica

Hallo und willkommen auf just-not-enough-time. Ich bin Anica und teile hier meine Reiseerfahrungen und –empfehlungen.
Seit über 15 Jahren backpacke ich durch die Welt und es ist kein Ende in Sicht.
Wenn ich nicht reisen kann, dann probiere ich neue Dinge aus und schreibe darüber.

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