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Bailando en Cuba. Oder wie ich lernte Schritte zu respektieren.

S and A dancing

Tanzenlernen in Kuba

Oldtimer. Zigarren. Zauberhafte Strände. Spanisch. Salsatanzen. Das ist Kuba, zumindest die Vorstellung aus der Ferne. Und für Spanisch, Salsa und Tanzen reise ich an. Vier Stunden Spanischunterricht am Tag und zwei Stunden Tanzen. Das war die Idee, der hochantizipierte Masterplan für zwei Monate in Kuba. Der Spanischkurs ist vorab organisiert aber das Tanzvorhaben, nun ja, das scheitert direkt in der ersten Woche, denn es ist nicht einfach eine Tanzschule zu finden, ganz ohne Internet und ohne Vorab-Recherche.

Meine kubanische Gastfamilie weiß keinen Rat, meine kubanische Bekannte, die mir einen Lehrer vermitteln wollte, meldet sich nicht. Erst meine Spanischlehrerin vermittelt mir nach anderthalb Wochen einen gut ausgebildeten Tänzer, den ich über Tage hinweg nicht erreiche, der später zum vereinbarten Termin nicht auftaucht, unerwartet nach einer Spanischdoppelstunde vor mir steht und ohne Pause die Tanzstunde beginnt, zu meiner Überraschung und Verwunderung in meiner Casa, auf der Dachterrasse, auf einer Fläche von 2x3m2 – zwischen Wäscheleine, Hängematte, Taubenkäfig und in Gegenwart des halbblinden Huskys. Let’s dance.

Alles ist Tanzfläche

So langsam verstehe ich die YouTube Videos von exzellent tanzenden kubanischen Paaren, die in Miniwohnzimmern aufgenommen wurden, mit nicht mehr Platz als vier, fünf oder sechs Quadratmetern.
Sie tanzen in Fluren mit Wänden ohne Tapete und Farbe, in Räumen, die an Rohbauten erinnern – hervorragende Tänzer. Staunend und voller Bewunderung habe ich mich immer gefragt: Warum gehen die nicht in ihr Tanzstudio, ihre Tanzschule, und nehmen dort die Choreographie auf? Wer so großartig tanzt muss in einem großartigen Tanzstudio mit perfekt tanzbarem Boden, bunt gestrichenen und verspiegelten Wänden sein – eben genau so wie in der Hamburger Tanzschule. So wirkt das doch unprofessionell!

dancing in the living room
dancing in the living room
dancing in the living room
dancing in the living room

So aber ist die Realität. Nur einige Tanzstudios in Kuba bieten annähernd die gewohnte Ausstattung. Und selbst manche Wohnung wirkt wie ein unfertiger Rohbau im Renovierungszustand. In Kuba verwundert das keinen, kubanische Salseros und Salseras brauchen die perfekten Bedingungen nicht. Eine halbwegs ebene Fläche, Musik, ein Tanzpartner – nicht mehr und nicht weniger.

Mich überrascht es wiederholt und bringt mich in meinen ersten Wochen in Havanna in Konflikte mit meinen eigenen Ansprüchen und Erwartungen: auf der Dachterrasse mit dem Husky und beim ersten Besuch einer Tanzschule, die ich wortlos verlasse, vor Beginn der Stunde.

Die Dachterrasse

Da stehen wir, der Tanzlehrer und ich. Er schließt sein Handy an zwei kleine Boxen an, die er mitgebracht hat, frickelt an den Kabeln, irgendwo gibt es einen Wackelkontakt. Ich sehe ihm zu und will die Stunde beenden, bevor sie angefangen hat. Mir gefällt das Setting nicht, ich wusste nicht, dass ich nach zwei Stunden spanischer Grammatik mit qualmenden Kopf und unterzuckert nun die Hüften schwingen soll und das hier, auf dem Dach. Heimlich hoffe ich, dass er den Wackelkontakt nicht überbrücken kann aber er schafft es natürlich.

„Que quieres aprender?“ Was möchtest Du lernen, fragt er mich.
„Ähh….“ stammele ich. „Ich möchte meine Technik verbessern.“
„Dann machen wir einen Teil Suelta, Schrittkombinationen, und ich zeig Dir zwei, drei neue Figuren.“

Los geht es mit einem Warum-up und einem holprigen Tanz. Ich fühle mich unwohl, der Tanzlehrer wirkt unsicher und so sieht die schöne Salsa wie eine abgehakte Polka aus.

Andere Erwartungen

Meine Vorstellung, wie ich in Kuba schnell mehr Salsa lerne, war eine andere. Ganz sicher existiert in der Vorstellung kein Husky. Anfangs lässt sich das sonst lethargische Tier nicht aus der Ruhe bringen. Nach ein paar Minuten reißt es ihn aber mit. Das normalerweise friedliche und faule Hund tanzt mit. Die Freude drückt sich in kleinen Sprüngen aus, genau vor unseren Beinen. Immer wieder schieben wir ihn weg. Dann setzt das Bellen ein, dass den Nachbarhund animiert ebenfalls lautstark einzustimmen. Die animalische Begeisterung findet ihren Höhenpunkt in einem Bissversuch, in meinen Allerwertesten. So geht es also nicht. Wieder keimt bei mir Hoffnung auf, dass ich die Stunde vorzeitig beenden kann. Doch in Kuba wird improvisiert. Die Stühle, die auf der Dachterrasse stehen, werden zu einem Zaun umfunktioniert, die den Hund und uns unüberwindbar trennen. Er bellt nicht mehr, Mensch hat über Tier gesiegt, die Stunde geht weiter. Die Schrittkombinationen sind interessant, die Ausführung aufgrund von Platzmangel ist laienhaft. Natürlich spreche ich nur von mir. Die Dachterrasse, auf die sich nie jemand verirrt, zieht an diesem Nachmittag das halbe Haus an. Meine Mitbewohnerin macht ihre Hausaufgaben, der Enkel der Besitzerin besprüht CDs, der andere Enkel führt seine Freundin zu uns, ich möchte das alles ein Ende hat und versuche mich auf die Schritte zu konzentrieren, bin aber steif wie ein schockgefrorenes Eis am Stiel. Auf weiche und fließende Bewegungen kann ich, und auch der Tanzlehrer, heut lang warten. Sechzig lange Minuten später verabschiede ich mich vom Lehrer und weiß: Das mache ich nicht wieder. Ich brauche eine „echte“ Tanzschule.

Rooftop with Husky
Rooftop with Husky

Die Tanzschule

Ein paar Tage nach dem Dachterrassendebakel empfiehlt mir eine Bekannte die Tanzschule „Casa Tango“. Unterrichtet wird nicht nur Tango sondern vorwiegend Salsa, Rumba, Merengue, Bachata und Kizomba.
Auf dem Weg zur Schule steigt die Freude darüber, dass es nun losgehen kann mit meinem Tanzprogramm, in einer Tanzschule, mit entsprechenden Räumlichkeiten.

Das Gebäude wirkt von außen nicht einladend aber so sind viele Häuser in Havanna, die dann mit unerwarteter Größe und einem beeindruckenden Interior überraschen – nicht aber das Casa Tango. Die volleyballfeldgroßen Räumlichkeiten sind im Rohbauzustand. Wo das Volleyballfeld durch ein Netz zweigeteilt wird, trennt die zwei „Tanzräume“ eine Wand, die mit alten Postern aufgehübscht wird. Türen gibt es nicht. Vom Eingang aus, wo sich die Tanzlehrer wartend ihre Zeit an einem Tisch vertreiben, lässt sich alles einsehen.

Gerade finden drei Salsa-Einzelstunden in einem Raum statt, vor einem kleinen Standspiegel, in dem anderen Raum, wo das offizielle Büro in Form eines kleinen Schreibtisches ist, wird Kizomba getanzt.
An dem Schreibtisch, gegenüber der Chefin, sitze ich und bin abgelenkt von ihren überlangen blauen Acrylfingernägeln als sie mir erklärt:

„Für Sprachstudenten haben wir ein Angebot von zehn Stunden a fünf CUC. Eine einzelne Stunde kostet 10 CUC.“
„Ich möchte mehrere Stunden, aber ich würde gern erst wissen, mit wem ich tanzen werde.“

Kulturschock

Sie schiebt mir den Vertrag rüber, ein Zetttelchen der Größe eines Post-Its. Mein Kopf rast. Ich buche keine zehn Stunden, wenn ich nicht weiß,  wie die Lehrer arbeiten und die Räumlichkeiten! Diese Räumlichkeiten!

„Kann ich eine Teststunde buchen?“
„Für zehn CUC, ja.“
„Wieso nicht für fünf?“
„Wir haben hier sehr gut ausgebildete Tanzlehrer,“ sagt sie etwas zorniger und ruft eine Lehrerin zu sich, spricht kurz mit ihr und weist mich im Kommandoton an, der Lehrerin zu folgen.

Überrumpelt, enttäuscht und im Kulturschock-Modus stehe ich auf, folge der Lehrerin. Als sie in den linken „Raum“ abbiegt laufe ich ferngesteuert geradeaus weiter, gehe durch die Tür auf die Straße und verlasse wortlos die Tanzschule. Wenn die Chefin so ruppig ist und den für Kuba hohen Preis einfordert, gehe ich und bezahle den hohen Preis bei Personen, die freundlich sind. (Eine Woche später traue ich mich zurück und buche den 10er Kurs.)

Leiden im Teatro Las Americas

Kurz darauf betrete ich das Teatro. Eine freundliche fünfzigjährige Lehrerin mit ergrauten Rastas sagt sofort zu, in zehn Minuten kann die Stunde beginnen – in einem separaten Raum, mit verspiegelten Wänden, vor denen Ballettstangen (heißt das so?) angebracht sind – noch ahne ich nicht, dass ich mich in einer halben Stunde an diesen festhalten muss… Zuerst jedoch Freude: es gibt sie also doch, die „echten“ Tanzräume, in der Republik, der nachgesagt wird, ein jeder könne tanzen (was auch nicht stimmt).

Nach einem Testtanz resümiert meine charmante Lehrerin: „Deine Technik ist gut, du musst an deinem Stil und der Koordination arbeiten.“ Nebeneinander stehen wir vor dem Spiegel. Grundschritt, Hüfte, Oberkörper, Schultern, Arme, Handhaltung – erst einzeln, dann kombiniert. Meine Rasta-Lehrerin ist nicht zufrieden und ruft ihre Kollegin zu sich, die zwischenzeitlich hinzugekommen ist. „Sieh dir das mal an!“ Verstehend nickt sie, antwortet etwas, das ich nicht verstehe, stellt sich vor mich, legt meine Hand auf ihr Dekolleté und bewegt ihren Oberkörper in einer Bewegung, die weder meine Augen verstehen noch mein Tastsinn. „Wie eine acht – beweg die Schultern in Form einer acht.“

Ich zeichne mit meinen Schultern die acht nach. Ich versuche mit meinen Schultern eine acht nachzuziehen. Sieht bei mir völlig anders aus, ist auch nicht richtig.

Sie stellt sich hinter mich und führt meine Schultern, während die andere neben mir demonstriert, wie ich die acht mit den Schultern zeichnen soll. In meinem Kopf mache ich die acht wunderbar – das kommt nur im Spiegel nicht an. „Heb die Schultern nicht. Schieb die Schultern nicht nach vorn.“ Ich bin ratlos – eine acht machen mit den Schultern ohne die Schultern zu bewegen? Ist das überhaupt möglich? „Leide nur!“, sagt sie schmunzelnd wie eine russische Ballettrainerin. „Keine Sorge! Das tue ich!“, antworte ich lachend. Die beiden geben nicht auf und mich nicht verloren. Als nächstes stecke ich wie Baby zwischen Penny und Johnny  in Dirty Dancing zwischen meinen beiden Tanzlehrerinnen. Die vor mir stehende tanzt mit mir, führt meine Arme, die andere die Schultern. Hochkonzentriert gebe ich mir alle Mühe. Nachdem ich die Bewegung verstanden habe, schicken sie mich an die Ballettstange. Mit den Händen festhalten, mit der Schulter die acht. Ich mache die acht – aber zufrieden sind sie weiterhin nicht. „Die Schultern nicht heben!“ und so weiter….

Der Rest in Kürze

Letztlich gehe ich für mehr Tanzpraxis zurück zum Casa Tango, in der Hoffnung, dass sich keiner an meinen Abgang erinnert. Die Chefin erkennt mich, begrüßt mich trotzdem herzlich zurück. Nach zehn Stunden habe ich viel getanzt, einige neue Elemente gelernt.

In Viñales nehme ich eine Stunde, bei einem Tanzlehrer, der sich seit längerem nicht geduscht hat. Seine Haut ist so klebrig, so dass ich mir Handschuhe wünsche. Sein Atem führt mich nahe an eine Ohnmacht – nicht zu empfehlen. An einem anderen Ort habe ich für eine Stunde einen Tanzlehrer, der so verkatert ist, dass er mitten in der Stunde aus dem Raum rennt, und seinen Magen leert. Man weiß nie, was einen erwartet.

Dafür lerne ich in Baracoa und an der Schule von Mari Suri wunderbare Trainer kennen, die mit Blick fürs Detail und Freude am Tanzen die schrägen Erlebnisse vergessen lassen. Ich habe Tanzstunden in Cafés, mit Zuschauern und ohne Spiegel, in Miniwohnzimmern und es stört mich nicht im geringsten. Ich höre Sätze wie „markiere Deinen Schritt!“ und „respektiere den Schritt“, tanze im Regen, stoße mit meinem Tanzlehrer mit dem Kopf zusammen und kann mittlerweile die acht mit den Schultern.

Mein Tanzlehrer in Deutschland sagte vor der Reise: „Hauptsache Du hast Spaß dabei!“ Und den habe ich.

Die Kontaktdaten zu den Tanzschulen und Trainern gibt es hier.

 

 

About the author

Anica

Hallo und willkommen auf just-not-enough-time. Ich bin Anica und teile hier meine Reiseerfahrungen und –empfehlungen.
Seit über 15 Jahren backpacke ich durch die Welt und es ist kein Ende in Sicht.
Wenn ich nicht reisen kann, dann probiere ich neue Dinge aus und schreibe darüber.

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