Blogger-Leben Surfen

Mein Hintern gehört mir!

Sexismus beim Surfen
Surfen mit Schutzkleidung

Surfen = Sexy Bikinis

Überraschung! Ich schreibe über Feminismus.
Den Stein ins Rollen gebracht hat eine Bloggerin, die einen Artikel mit dem Namen „Sexismus im Surfsport“ geschrieben hat. Mir schießt sofort ein Bild in den Kopf: Die super sexy Bikinis, mit den noch super heißeren Bikini-Hosen, die von vielen Surferinnen getragen werden – und gegen die ich mich entschieden habe.
Ich trage Boardshorts und ein langärmeliges Lycra, weil ich so beim Wipeout nicht von der Wellenkraft ausgezogen werde und halbnackig wieder auftauche. Und weil das Longsleeve vor der Sonne schützt. Das ist die vordergründige Erklärung.

Übertriebene Vorsicht

Nachdem ich den Artikel gelesen habe, hämmert es in meinem Kopf: Ich trage das aus noch einem anderen Grund, der mir viel näher und intimer ist: Ich will nicht unbemerkt beglotzt werden oder per Gopro halbnackig auf Facebook oder einem Instagram-Account landen. Ist das übertriebene Vorsicht?

Landschaftsfilmographie?

Zeitsprung: Vor ein paar Monaten stand ich nach einer Surf-Session am Playa Encuentro in der Dominikanischen Republik und unterhielt mich mit Julie und Lea, zwei Surf-Freundinnen, die eine 19, die andere 20 Jahre alt. Beide kamen gerade aus dem Wasser, hatten sich ein Handtuch um die Schultern gelegt als ein Surfer, ein Kanadier, an uns vorbei läuft. In seiner Hand, am herabhängenden Arm, auf Bikini-Hosen-Höhe, hält er eine Gopro, die in unsere Richtung zeigt. Er filmt den Traumstrand. Und er filmt uns. Ungefragt.

„Was macht der denn?“, frage ich die beiden.
„Der filmt unsere Hintern.“
In meiner gutgläubigen Weltsicht war ich überzeugt, sein Fokus gilt dem Strand und den türkisblauen Wellen.
„Im Wasser fotografiert er auch ständig Frauen auf ihren Surfbrettern, ohne dass sie es bemerken und dann stellt er die Fotos auf Facebook und Instagram.“
„Wie bitte?“ frage ich entsetzt.
„Ja! Letztes Jahr hat mich meine Mom gefragt, was denn mein halbnackiger Hintern auf Facebook zu suchen hat.“ erzählt Julie. „Da hat er im Wasser fotografiert und die Bilder anschließend ins Netz hochgeladen.“

Das gibt es doch nicht, denke ich, als er wieder an uns vorbei läuft und wieder filmt. „Hey, kannst du mal aufhören uns zu filmen!“, rutscht es aus mir heraus, wohlwissend, dass ich am wenigsten seine Zielperson bin, denn ich trage Jeansshorts und keine Bikinihose.

 

 

„Why do you fucking care?“

Man sollte meinen, dass die Bitte reicht, er ertappt ist und sich zurückzieht. Aber zehn Minuten später gibt es die Fortsetzung. Julie und Lea stehen in der Nähe der Surfschule, ich ein paar Meter entfernt. Wieder läuft der Paparazzo an den beiden vorbei, wieder hat er die Kamera auf Hüfthöhe in der Hand.

„Kannst du nicht mal aufhören?“, sage ich ihm, als er stehen bleibt, mich ansieht und antwortet: „ Why do you fucking care?“

Ja, genau. Das ist seine Reaktion. Mein Puls fährt hoch und ich sehe ihn fassungslos an: „Why do I care?! Das ist Deine Antwort? Ich bin auch eine Frau! Die beiden sind 19 und 20 Jahre alt. Vielleicht sagen sie nichts, weil sie jung sind. Das gibt Dir aber nicht das Recht sie ungefragt zu fotographieren oder filmen – schon garnicht, wenn sie Dir sagen, Du sollst aufhören.“

Das müsste er doch verstehen, denke ich mir. Aber ich täusche mich, denn seine Antwort ist: „It’s none of your business!“

„Why don’t you fucking care?!“

Oh, wie er sich täuscht! Ich bin keine 19 mehr und auch wenn ich mit 19 dachte, dass Feminismus völlig unnötig ist, weil wir in einer toleranten und gleichgestellten Gesellschaft leben, sehe ich es 19 Jahre später anders, nicht nur aufgrund dieser Stranderfahrung. Die Frage, die ich ihm stelle, und die er nicht beantwortet, ist: „Why don’t you fucking care?“ Damit ist der Wortwechsel beendet und er verschwindet.
Gern hätte ich ihn gefragt, was er machen würde, wenn diese Situation seiner Schwester oder seiner Mutter widerfahren würde. Das fällt mir natürlich erst Stunden später ein…

 

 

About the author

Anica

Hallo und willkommen auf just-not-enough-time. Ich bin Anica und teile hier meine Reiseerfahrungen und –empfehlungen.
Seit über 15 Jahren backpacke ich durch die Welt und es ist kein Ende in Sicht.
Wenn ich nicht reisen kann, dann probiere ich neue Dinge aus und schreibe darüber.

4 Comments

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  • Traurig, dass man sich mit solchen Dingen auseinander setzen muss. Ein wirklich unschönes Gefühl, dass man sich als Frau schon fast verstecken muss, um nicht plötzlich halbnackt im Internet aufzutauchen. Und noch dazu gibt es sicher viele Stimmen, die meinen, man wäre ja selbst Schuld und müsse sich nicht so anziehen…traurige Welt und leider pure Realität

    • Man sollte meinen in 2017 hätten alle verstanden, dass „Nein“ auch wirklich „Nein“ heißt….

  • Genau den Artikel den du meinst habe ich vor kurzem auch gelesen.
    Ja ich kann mir gut vorstellen, dass die Männer voll darauf abfahren.

    Ich habe ehrlich gesagt nur wenige Surferfahrung und hatte meine erste Surfstunde mit meinem Guide in Nicaragua. Den musste ich allerdings „zwingen“ mit mit der GoPro zu filmen 😀 Nein das tut jetzt nicht zur Sache, sondern es geht um das große Allgemeine! Finde ich gut das du das Thema nochmal aufwickelst! Denn ich denke keine Frau will ohne Einverständnis halbnackt i.wo im Internet auftauchen. Unfassbar…

    • Ich bin seit Jahren in den Wellen unterwegs und das war das erste Mal, dass ich so etwas unmögliches erlebt habe.
      Zum Glück ist die Mehrheit der Surfer und Surflehrer mehr auf Wasser, Wellen und Lernfortschritt konzentriert – so wie Dein Surflehrer ; ).

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