Blogger-Leben

Dazwischen

Flugzeug

Abflug

Da ist er. Plötzlich. Der Abflugtag.
Plötzlich ist völlig übertrieben. Ich kenne das Datum ganz genau. Seit einer Woche zähle ich mit, plane, wie ich meine letzten Tage organisiere und packe so viel wie möglich in jeden einzelnen, damit keine Zeit zum Nachdenken bleibt.

Der letzte Tag ist ehrlich gesagt der vierte letzte Tag. Zwei Mal bin ich abgeflogen und wieder gekommen. Den dritten letzten Tag habe ich 36 Stunden vorher ausgehebelt und den Abflug verschoben. Und trotzdem! Der Abschied ist ein Abschiedsprozess. Er zieht sich über Tage, mit vielen letzten Malen. Ein letztes Mal Salsa tanzen und sich fragen, wann es das nächste Mal eine dieser verrückten kubanischen Nächte geben wird. Ein letztes Mal eine Flasche Havanna Club Anejo Especial für 5,80 € kaufen, sie öffnen und ein bisschen für die Orishas auf den Boden schütten. Ein letztes Mal bei Viazul ein Ticket kaufen. Ein letztes Mal „no hay“ – „gibt es nicht“ hören. Ein letztes Mal in der Casa schlafen, in der ich die erste Nacht im Dezember verbracht habe. Ein letztes Mal mit Internetkarte ins www. Die vielen Abschiede von den Reisebegleitern, die jetzt Freunde sind, die ich in Europa wiedersehe. Die Abschiede von denen, die das kleine kommunistische Eiland nicht verlassen können und die ich vielleicht nie wieder sehe. 

Dann ein letztes Mal übermüdet ins Taxi zum Flughafen einsteigen. Zwischen erster Einreise und Abflug liegen vier Monate, die niemals vier Monate gewesen sein können.

Die ersten Eindrücke

Dann sind sie da, die ersten Eindrücke im neuen Land, auf Guadeloupe, in dem ich niemanden kenne, von dem ich wenig weiß. Es ist grün, riecht nach frischem Gras, die Luft ist frisch und nicht mehr abgasverhangen, es gibt viieelleee Autos hier, ich verstehe die Menschen nicht, spanisch funktioniert nicht mehr, vieles ist europäischer und nicht mehr so exotisch. Es gibt freies Internet, jemand bietet mir an mich zu meinem Hostel mitzunehmen. Ein guter Start.

Das Hostel liegt wie ein Elfenbeinturm auf einem Hügel, mit wunderbar weiter Sicht über die Insel bis zum Meer. Ich brauche Weitsicht. Ich sollte 1000 Dinge für die nächsten Wochen organisieren.

Aber ich tauche im Internet ab, chatte mit Reisefreunden, die von den Orten und Menschen erzählen, von denen ich mich verabschiedet habe. Ich halte mich mit jedem Wort fest.

Dazwischen

Am liebsten möchte ich nirgends sein. Ich möchte nicht hier sein, ich möchte nicht dort sein, ich bin dazwischen. Ich bin in Guadeloupe, meine Gedanken in Kuba und ich wünschte ich würde im Flugzeug sitzen, irgendwo dazwischen, genau wie ich mich fühle. Nicht hier, nicht dort, unterwegs.

Ein kurzes Update in die Heimat, weiter über die letzten Tage, Wochen nachdenken, den Erlebnissen nachhängen, Tagträumen, ein Spätnachmittagsbier in einer Bar am Meer. Zwei Musiker, die mir mit einem französischen Lied ein Lächeln mit Tränen in den Augen bescheren. Die Musik der letzten Wochen kann ich nicht hören.

Coldplay behalten recht: Letting go is the hardest part – und dabei liegt der größte Abschied noch vor mir. Der Flug nach Hause. Aber bis dahin denke ich heimlich daran, ob ich nicht einen kleinen, einen wirklich letzten Umweg mache…

About the author

Anica

Hallo und willkommen auf just-not-enough-time. Ich bin Anica und teile hier meine Reiseerfahrungen und –empfehlungen.
Seit über 15 Jahren backpacke ich durch die Welt und es ist kein Ende in Sicht.
Wenn ich nicht reisen kann, dann probiere ich neue Dinge aus und schreibe darüber.

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